Yoga & Soziales


Eine schwere Zeit in ein Geschenk für andere Menschen verwandeln - genau das hat Cornelia Brammen getan. 2014 gründete sie den gemeinnützigen Verein YOGA FÜR ALLE, um therapiebegleitend Yogastunden in und mit sozialen Einrichtungen anzubieten. Cornelia teilt ihre Intention und wie sie und ihr Team die Herausforderungen der letzten Monate gemeistert haben.


Cornelia Brammen im Interview über Yoga im sozialen Setting



Was hat dich dazu bewogen YOGA FÜR ALLE zu gründen?


Die Gründung des Vereins steht im engen Zusammenhang mit meiner Kundalini-Yogalehrerausbildung. Diese knüpfte sich an eine für mich schwere Zeit an, in der ich unter Depressionen litt. Yoga hat mich da abgeholt, wo ich in dem Moment stand und hat zu meiner Stabilisierung beigetragen. Diese Zeit verbinde ich mit einem Gefühl des Nach-Hause-Kommens und Alles ist möglich. Nach meiner Ausbildung wollte ich dieses Geschenk an andere Menschen weitergeben. Daraus entstand die Idee, unabhängig von Behörden oder Zuwendungen und aus eigener Kraft heraus, Mittel zu generieren, um soziales Yoga zu ermöglichen.

Was beinhaltet die Arbeit des gemeinnützigen Vereins? Wer findet bei euch Unterstützung?


Der Verein ermöglicht therapiebegleitende Yogastunden für Menschen, die in der Obhut staatlicher oder sozialer Einrichtungen sind, darunter Frauenhäuser, Strafvollzugsanstalten, Pflegeheime, Kinderheime, Beratungsstellen für Geflüchtete, Behindertenwerkstätten und Einrichtungen für psychisch kranke Menschen. Zu unseren Partnern:innen zählen soziale Einrichtungen, Wohlfahrtsverbände, Diakonien, Kliniken und Beratungsstellen an. In Kooperation mit ihnen findet soziales Yoga statt.



Wie könnt ihr euer Angebot trotz Corona dennoch ermöglichen?


Wir sagen Soziales Yoga geht immer – auch im Lockdown. Unser Weg ist die der größtmöglichen Flexibilität. Wir behalten die Menschen im Blick, die vom sozialen Yoga profitieren sollen. Dafür passen wir uns immer wieder den jeweiligen Bedingungen an. Im Frühling und Sommer letzten Jahres haben wir soziales Yoga Outdoor angeboten. Als dies aufgrund der Witterungsbedingungen nicht mehr möglich war, haben wir Kleingruppen unter Berücksichtigung der jeweiligen Hygiene- und Abstandsregelungen gebildet. Nachdem die Bestimmungen anzogen, sind wir zu Einzelunterricht übergegangen. Natürlich streamen wir auch. Das ist aber nicht für alle Zielgruppen möglich. Deshalb haben etwas Neues entwickelt: Telefon-Yoga. Dahinter liegt ein Konzept, das die Teilnehmer:innen sicher durch die Klasse führt und dennoch in das Yoga-Gefühl bringt.



Merkt ihr aufgrund der aktuellen Gegebenheiten einen Zulauf an Anfragen?


Diese Frage berührt einen Punkt, der mich im letzten Jahr oft hat nachdenken lassen. Durch Corona ist die Relevanz von sozialem Yoga deutlich gestiegen. Das ist vor allem unseren Partnern bewusst geworden. Die Akzeptanz und das Verständnis, dass soziales Yoga wichtig und unterstützend ist, wurde durch Corona angehoben und hat eine engere Zusammenarbeit gefördert. Das hat auch dazu geführt, dass Partner und Träger zum Teil in die Finanzierung eingestiegen sind. Auch die Nachfrage nach unseren Fortbildungen für Yogalehrer:innen, die wir ebenfalls auf online umgestellt haben, ist angestiegen.

Gibt der Verein Tipps, wie es mit den aktuellen Corona-Herausforderungen gut umzugehen gilt?


Das ist nicht unsere Kernaufgabe. Wir unterrichten soziales Yoga, geben diese ganzheitliche Methode weiter und öffnen einen Raum für neue Erfahrungen. Das lässt sich nicht auf Tipps reduzieren. Unser Qualitätsmanagement umfasst Fortbildungen, Einzel- und Gruppensupervision für Yogalehrer:innen. Uns ist es wichtig, die Rolle von Lehrer:innen klar einzuhalten. Wenn ich für den Verein unterrichte, dann bin ich „nur“ Yogalehrerin. Ich bin keine Expertin für Ernährung, ich bin keine Psychologin, ich bin keine Sozialpädagogin. Ich bin mir in jedem Moment meiner Rolle als Yogalehrerin bewusst. Das ist für die Teilnehmer:innen unglaublich wichtig, denn sie bekommen damit ein ganz klares Setting und die Yogastunde ist der Moment, wo sie unabhängig von bekannten Mustern eine andere Erfahrung mit sich machen können. Somit kann Yoga ein Fenster öffnen, Dinge anders zu machen, um von da aus zu sich selbst zu kommen.


Warum eignet sich Yoga als therapiebegleitende Maßnahme?


Die Traumaforschung liefert viele Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Bindungsorientierung und Gehirnentwicklung. Überall da, wo Trauma stattgefunden hat, kann es einen Bruch im Aufbau von Bindung geben. Erscheinungsbilder wie z. B. Depressionen haben unter anderem damit zu tun, dass die Fähigkeit zur Selbstregulierung nicht vollständig greift. Mit unseren Klassen geben wir Menschen eine Methode an die Hand, die ihnen positive Erfahrungen mit sich und ihrem Körper ermöglichen und darauf aufbauend die eigene Selbstwirksamkeit reaktivieren. An dieser Stelle ist soziales Yoga ein Dreiklang aus Ich nehme Verbindung mit mir auf - Ich nehme an, was mir dort begegnet - Ich lerne, dass ich etwas verändern kann.



Wie unterscheiden sich eure Yogastunden im Vergleich zu Yogaklasse im Studio?


Zunächst unterscheiden sie sich vom Zugang, da hier ein Bezug zum jeweiligen Träger besteht. Somit gibt es keine gemischten Klassen wie im klassischen Yogastudio. Die Yogaklasse ist eigens auf die jeweilige Gruppe zugeschnitten. Ein weiteres wichtiges Prinzip in unserem Setting ist absolute Transparenz. In jedem Moment ist klar, was als Nächstes geschieht. Beispielsweise kündigen wir an bevor das Licht bzw. die Musik ein- und ausgeschaltet wird. Des Weiteren werden im sozialen Yoga keine Haltungen durch Adjustments korrigiert. Es ist wichtig zu vermitteln, dass es kein richtig oder falsch gibt und die Teilnehmer:innen es so machen, wie sie es gerade können.



Welche Projekte stehen bei YOGA FÜR ALLE an?


Ein wichtiges Projekt ist das Beratungs-Stipendium startsocial. Wir sind eine von 100 sozialen Initiativen, die in diesem Wettbewerb unter Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstützt werden. Wir haben zusammen mit unseren Coaches OMY! Yoga für Menschen 60plus in Altersarmut durch Telefon-Yoga "corona-kompatibel" gemacht. Nun hoffen wir, Anfang März von der startsocial-Jury unter die sieben Initiativen zu kommen, die Aussicht auf den Sonderpreis haben.


Im November 2020 hat uns das Bundesministerium für Bildung und Forschung für PrÄViG mit dem Ideenpreis im Wettbewerb Gesellschaft der Ideen ausgezeichnet. Im Kern geht es um Prävention von Essstörungen durch Yoga für Kinder zwischen 7 und 10 Jahren sowie ihres sozialen Umfelds. Dem Konzept liegt ein Paradigmenwechsel zugrunde: Kinder als Expert:innen der Selbstfürsorge zu sehen. Das Konzept wird durch ein interdisziplinäres Team aus Yogalehrer:innen, Wissenschaftler:innen, Mitarbeiter:innen von Beratungsstellen, Lehrer:innen und vor allem Kindern entwickelt.


Und wir stecken in den Vorbereitungen für die YOOOGANACHT OOONLINE am 19. Juni 2021.



Was erwartet die Yogis in der LANGENACHTDESYOOOGA?


Die große Vielfalt des Yoga wird in diesem Jahr online stattfinden. Dazu wird es zwischen 50 und 100 Live-Streams aus ganz Deutschland geben. Neu ist dabei ist ein Workshop-Angebot über soziales Yoga, Yoga und Trauma sowie OMY! – Yoga für Menschen 60plus. Und das alles ab 20 Euro, die zu 100 % in soziales Yoga fließen.



Woran möchtest du die Menschen erinnern?


Dass es ihr Geburtsrecht ist, glücklich zu sein und dass sie einen unzerstörbaren Kern haben, mit dem sie sich immer verbinden können.


Cornelia Brammen ist Kundalini-Yogalehrerin, Redakteurin, Mutter von drei erwachsenen Kindern, Initiatorin, Gründerin und Vorstand des gemeinnützigen Vereins Yoga für alle e. V.


Mehr über YOGA FÜR ALLE: yogahilft.com

Fotos: yogahilft




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Julia Raderecht

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