Yoga & Mantra


Meine erste Begegnung mit dem Chanten von Mantras hatte ich in einer Yogaklasse mit Moritz bei Peace Yoga Berlin. Dieser Moment ist mir auch nach all den Jahren noch sehr präsent. Als die Yogis ihre Chantbooks öffneten, nahm ich starke Fluchtgedanken wahr. Der Widerstand aber war nicht von Dauer. Mittlerweile fühlt sich für mich eine Yogaklasse ohne diesen Rahmen nur halb rund an. Welche Wirkung haben Mantras? Warum sind Chanten und Kirtan singen ein wichtiger Teil der spirituellen Praxis? Warum ist das Chanten in den westlichen Yogastudios eher unüblich? Mit welcher Übung lässt es sich ganz leicht einsteigen? Wie lässt sich ein Mantra in die Meditationspraxis einbinden?


Moritz Ulrich im Interview über die Kraft von Mantras


Das Chanten von Mantras spielt im Yoga eine tragende Rolle. Was bedeutet das Wort Mantra?


Das Wort Mantra beutet so viel wie „ein Instrument der Gedanken“. Im Kontext des Yoga funktioniert es wie eine Art Schutzhülle, die sich um den Geist legt. Alles, was von außen hereinkommt und von uns selbst herausgeht, wird durch diese Hülle, wie durch einen Filter auf einer feinstofflichen Ebene beeinflusst.

Warum sind Chanten und Kirtan singen ein wichtiger Teil der spirituellen Praxis?


Mit Vibrationen zu arbeiten ist ein Teil des Nada Yoga, das ist der Yoga des Klangs. Die ganze Welt ist aus Schwingungen gemacht. Manche können wir hören, manche sehen, manche fühlen und manche können wir mit keinem unserer üblichen Sinne wahrnehmen. Sich bewusst zu werden, dass wir Teil dieses Schwingungsfeldes sind, gibt uns die Möglichkeit, in Ein-Klang zu kommen, einen Zustand von Yoga. Das Singen von Kirtan ist die Wiederholung der Namen des Göttlichen. Es gibt uns die Möglichkeit das Kosmische, Universelle auf unterschiedlichste Art und Weise zu fühlen und zu erleben. Die Einheit mit dem Göttlichen ist die Essenz jedes Yogaweges.

Wie wirkt ein Mantra?


Das Schöne am Singen von Mantra liegt in der Einfachheit. Wir können Mantra immer und überall wiederholen. Es heißt sogar, dass das stille Wiederholen von Mantra noch kraftvoller ist, da wir es mit der Einatmung und Ausatmung praktizieren können. Mantras zu wiederholen gibt mir unabhängig äußerer Umstände die Möglichkeit eine Verbindung zu einer unendlichen Kraft zu finden, die mich schon durch einige herausfordernde Situationen geführt hat. Chanting funktioniert bei mir vor allem auf der Gefühlsebene, die mit dem Intellekt nur schwer zu beschreiben ist.



Meine ersten Berührungen mit dem Chanten fühlten sich befremdlich an. Heute empfinde ich jede Yogastunde ohne Chanten und den Klang des Harmoniums als nur halb rund. Warum ist das Chanten in den westlichen Yogastudios eher unüblich?


Glücklicherweise ist es schon viel verbreiteter als noch vor zehn Jahren. Das Om wird glaube ich schon überall gesungen und eigentlich ist es alles, was es braucht, denn im Klang von Om steckt das gesamte Universum. Om ist Gott, Om ist Yoga. Ich glaube es gibt manchmal die Sorge, Menschen mit bestimmten Übungen zu verschrecken. Es ist also an uns Yogalehrenden das Singen von Mantra auf einfache Art und Weise und ohne Angst und Zweifel in die Yogastunden zu bringen. Chanting ist eine der direktesten Wege, die ich kenne, um in Kontakt mit unserem Innersten zu kommen.



Hast du eine Übung, bei der der Effekt spürbar ist?


Ein guter Einstieg ist das Singen des Om. Hierfür im Liegen die Hände auf den Bauch legen und ein langes „A“ singen. Dann die Hände auf den oberen Brustkorb und ein langes „U“ und schließlich die Hände auf den Kopf und ein langes summendes „Mmmmmm“ singen. Dabei beobachten, wie die Vibrationen verschiedene Teile des Körpers zum Schwingen bringen und die Kraft bewusst wahrnehmen. Dabei ist es wichtig, dass du dich traust, den Mund weit aufzumachen und ohne Zurückhaltung zu singen. Dies ist eine wunderbare Übung, Vorurteile die du selbst oder andere über deine Stimme haben, loszulassen.

Wie lässt sich ein Mantra in die Meditationspraxis einfließen?


In der Jivamukti Yoga Methode unterrichten wir immer eine 3 Schritte Meditation mit Mantra. Schritt 1: Wähle deinen Sitz. Schritt 2: Sei still. Schritt 3: Fokussiere deine Aufmerksamkeit mithilfe des Mantras „lass los“. Mit jeder Einatmung wiederhole leise das Wort „lass“ und mit jeder Ausatmung das Wort „los“. Somit wird das Mantra zu deinem Konzentrationspunkt. Immer wenn du merkst, dass du abgelenkt bist, dann bring dich wieder zurück zu: Einatmen, „lass“ und ausatmen „los“. Natürlich könnte an die Stelle von „lass los“ auch jedes andere Mantra treten, mit dem du in Verbindung stehst.

Welches Mantra ist dein enger Begleiter?


Shri Krishna Sharanam Mama. Krishna, bedingungslose Liebe ist meine Zuflucht. Es ist das Mantra, dass ich von meinen Lehrern Sharon Gannon und David Life bekommen habe, welches mir sehr am Herzen liegt.




Moritz ist Jivamukti Yoga Lehrer, Gründer der Jivamukti Yoga School Peace Yoga, Creator von Onlinekursen, Anatomie- und Sanskritlehrer für die internationalen Jivamukti Yoga Lehrerausbildungen. Moritz unterrichtet seit über 15 Jahren Yoga und machte dies zu seinem Hauptberuf, nach dem er sein Medizinstudium abgeschlossen hat.


Fotos: Richard Pilnick



Du möchtest die Kraft von Mantras ausprobieren? HIER findest du eine Vielzahl von Mantras. Beobachte beim Chanten, welches Mantra mit dir in Resonanz geht und welche Gefühle in dir aktiviert werden. Vielleicht wird es zu deiner persönlichen Kraftquelle.


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