Yoga & Faszien


Was sind Faszien und welche Mechanismen arbeiten hier im Hintergrund? Wodurch entstehen die unterschiedlichen Spannen der Beweglichkeit? Wie können wir dieses Wissen in die Yogapraxis einfließen lassen? Welche Auswirkungen kann chronischer Stress auf das Fasziengewebe haben? Mögen Faszien Yin- oder Yang-betonte Yogapraxis lieber?


Dr. Ronald Steiner im Interview über Yoga & Faszien


Das Gewebe der Einheit: Was sind Faszien?


Ich bezeichne Faszien gerne als unsere Grundsubstanz. Sie machen etwa 15-20 kg unseres Körpergewichts aus und füllen dabei unseren Körper vollständig bis in den kleinsten Winkel aus. Faszien bestehen überwiegend aus kollagenen Fasern, die sich zu langen Bahnen oder verzweigten Netzen verbinden. Faszien verbinden Zellen miteinander, umhüllen Organe und Muskeln. Sie halten den gesamten Körper zusammen. Entfernen wir alle Zellen mitsamt der Flüssigkeit aus unserem Körper, so bleiben nur Faszien übrig. Durch ihre dichte Vernetzung, Umhüllung, Verbindung und Durchdringung würde unsere Form dennoch bestehen bleiben.



Welche Mechanismen arbeiten hier im Hintergrund?


Neben dem Zusammenhalt und der Kraftübertragung übermitteln Faszien auch mechanische Reize durch den gesamten Körper. Ihre eigentliche Funktion können die Fasern allerdings erst in Zusammenhang mit der Extrazellulären Matrix und den Fibrozyten übernehmen.


Die Fibrozyten produzieren sowohl die Fasern der Faszien als auch die Extrazelluläre Matrix. Doch sie erzeugen nicht nur die Bausteine, sondern sind selbst auch aktiv. Sie spielen eine Rolle in der Immunabwehr und vor allem in der Regulation wie straff unser Fasziennetz gespannt ist. Die Extrazelluläre Matrix ist eine gallertartige Flüssigkeit, welche die Faszienzüge und jede Zelle unseres Körpers umhüllt. Damit transportiert sie Nährstoffe zu den Zellen und Stoffwechselendprodukte wieder ab. Eine gute Regulation der Extrazellulären Matrix ist essenziell für die Zellgesundheit und damit die Gesundheit unseres gesamten Körpers.


Die Fasern der Faszien bestehen überwiegend aus helikal geformten Kollagen Filamenten. Jedes Filament ist elektrisch geladen. Die Fibroblasten geben diese kleinen Faser-Bausteine relativ unsortiert ab. Durch die elektrische Ladung richten sich diese Filamente entlang der Belastungsrichtung selbst aus und binden sich aneinander. So entsteht Festigkeit dort wo sie nötig wird.



Welche Funktionen nehmen Faszien im Körper ein?


Je nachdem, wie sich die Fasern aneinanderlegen und wie die Extrazelluläre Matrix beschaffen ist, bekommen Faszien ganz unterschiedliche Eigenschaften. Die offensichtlichsten sind die netzartig Muskelzellen umhüllenden Faszien. Durch ihre Anordnung verformen sie sich bei Anspannung und Entspannung mit den Muskelzellen. Hier bilden Faszien also Muskeln. Ähnliche weich verformbare Eigenschaften haben auch Faszien, die unsere Organe umhüllen und diese innerlich zusammenhalten. Liegen die Fasern enger beieinander, sind dichter quer vernetzt und parallel in der Ausrichtung, so bilden sie straffe Bänder und Sehnen. Durch eine festere Extrazelluläre Matrix mit Kalkeinlagerungen entsteht die Trabekelstruktur der Knochen. Die Fasern der Faszie enden also nicht an der Knochenoberfläche. Vielmehr tragen sie die Kraft durch Muskeln, Sehnen, Bänder und auch durch Knochen. Diese kann der Körper teilweise sogar ineinander umwandeln.



Unbeweglich bis sehr flexibel: Wodurch entstehen Unterschiede im Gewebe?


Faszien sind bei verschiedenen Menschen unterschiedlich quer vernetzt. Zusätzlich ist ein unterschiedlicher Anteil an elastischen Filamenten eingelagert. Das hängt zum großen Teil von unseren genetischen Besonderheiten ab. Je nachdem wie wir uns bewegen, differenzieren sich die Faszien in die eine oder die andere Richtung, um uns so an unsere Beanspruchung besser anzupassen.


Doch nicht nur die Beschaffenheit unserer Faszien entscheidet über die Weise wie wir uns bewegen können. Jeder Knochen hat eine für den einzelnen Menschen ganz individuelle Form. Dadurch ergibt sich in jedem Gelenk ein für jeden Menschen sehr individueller Bewegungsraum. Diesen Bewegungsraum können wir durch unsere Yogapraxis entfalten.



Wie können wir dieses Wissen in die Yogapraxis einfließen lassen?


Betrachten wir die Yogapraxis aus Fasziensicht, können wir verschiedene Ziele verfolgen, um unsere Faszien gesund zu erhalten.


Weichheit: Wir können die Auswirkungen von Stress vermindern und das Fasziennetz in seine weiche Schwingung finden lassen.


Flexibilität: Wir können bewusst die Form unseres Fasziennetzes verändern. So bekommen Muskeln, die durch verhärtete Faszienzüge eingesperrt waren, wieder ihren natürlichen Bewegungsraum.


Elastizität: Wir können den elastischen Anteil erhöhen. Elastizität hat nichts mit Flexibilität zu tun. Während Flexibilität uns Bewegungsraum gibt, schützt uns Elastizität vor Verletzungen.


Kraft: In der Evolution war es wichtig Kraft mit minimalem Gewicht zu ermöglichen. Die Energiespeicherung in den Zügen des Fasziennetzes war ein Schlüssel dafür. Das können wir gezielt üben, um mehr Kraft zu entwickeln.


Schmerzreduktion: Freie Nervenenden sind die wichtigsten Träger für Schmerzsignale bei chronischen Schmerzen. Sie liegen direkt zwischen den Fasern der Faszien. Sind die Faszien verhärtet, so ist deren Empfindlichkeit erhöht. Wir können deren Empfindlichkeit durch Veränderung der Faszien wieder regulieren.


Druckentlastung für Gelenke: Die langen Bahnen der Faszienzüge winden sich in mehreren Schichten um unseren Rumpf, Arme und Beine. Bringen wir durch unsere Yogapraxis eine harmonische Spannung auf diese Zugbahnen, so reduziert sich der Druck auf unsere Gelenke. Die Gelenkflächen schweben dann förmlich übereinander.



Welche Auswirkungen kann chronischer Stress auf das Fasziengewebe haben?


Das Fasziennetz ist viel aktiver als wir es lange Zeit dachten. Es verändert seine Spannung je nach Beanspruchung. Stress ist ein Signal, welches zur Verhärtung des gesamten Netzes führt. Diese Reaktion braucht einige Minuten um zu geschehen und hält dann Stunden oder gar Tage an. Ist unser Leben hektisch, so fällt uns auch das Bewegen schwerer. Selbst die Atmung kann sich starrer anfühlen. Hält der Stress über eine längere Dauer an, so vernetzen sich die kollagenen Fasern der Faszien in der verhärteten Stellung. Der Bewegungsraum der Muskulatur bleibt dauerhaft bzw. solange bis wir aktiv daran arbeiten, eingeschränkt.



Yin vs. Yang Yoga: Was mögen die Faszien?


Bewegung ist dann gesund, wenn sie vielseitig ist. Aus Fasziensicht betrachtet sollte unsere Yogapraxis eine gute Mischung enthalten.


Entspanntes Loslassen lässt unser Fasziennetz weich schwingen.


Dehnen verformt unsere Faszien. Die einzelnen Fasern gleiten aneinander vorbei. Bevor sich die Fasern wieder verhärten folgt eine erwärmende Bewegung. In der nächsten statischen Dehnung können wir ein Stück tiefer in die Haltung hineingehen.


Durch federnde Übungen geben wir den optimalen Anreiz für elastische Bausteine in das Fasziennetz. Das schützt uns vor Verletzungen.


Den elastischen Effekt treiben wir ein Stück weiter, wenn wir aus der Energiespeicherung der Faszien Kraft entwickeln wollen. Mit diesem Ziel können wir kraftvolle Sprünge oder Schwung-Gegenschwung-Übungen in unsere Praxis integrieren.


Mit statischem Halten einer Übung werden Schmerzrezeptoren in unseren Faszien heruntergeregelt. Den Effekt spüren wir oft direkt nach der Übung.


Schwebespannung aufbauen. Harmonisieren wir lange gegenläufig helikale Faszienzüge, so wandeln diese die Kraftübertragung über die Gelenke von Druck nach Spannung. Ein Schlüssel hierbei sind komplexe, den Körper verbindende, Übungen.



Woran möchtest du die Menschen erinnern?


Das klingt alles sehr komplex, das Ergebnis ist jedoch sehr simpel. Rolle deine Yogamatte aus, atme tief und bewege dich auf vielseitige und angenehme Weise.




Dr. Ronald Steiner ist Arzt für Sportmedizin, Wissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt Prävention und Rehabilitation sowie einer der bekanntesten Praktiker des Ashtanga Yoga. Er gehört zu den wenigen ganz traditionell von den indischen Meistern Sri K. Pattabhi Jois und BNS Iyengar autorisierten Yogalehrern.


Mehr über Dr. Ronald Steiner: ashtangayoga.info

Fotos: Gabriel Aszalos (Bild oben) Nela König (Bild unten)




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Julia Raderecht

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